Der Euro hat gegenüber dem US‑Dollar rapide an Wert verloren, obwohl zunehmend mehr Vertreterinnen und Vertreter der Europäischen Zentralbank die Notwendigkeit einer strafferen Geldpolitik signalisieren – ein Zeichen für den wachsenden Druck auf die EZB.

Yannis Stournaras, Mitglied des EZB-Rats und Gouverneur der Bank of Greece, schloss sich am Dienstag den zahlreichen Warnungen von Notenbankvertretern an, dass eine straffere Geldpolitik zunehmend unausweichlich werde. Er sagte, dass die EZB keine andere Wahl haben werde, als die Zinsen anzuheben, falls der Ölpreis auf dem aktuellen Niveau bleibt. „Aber wir alle hoffen, das vermeiden zu können“, fügte er hinzu.
Stournaras deutete an, dass sich der geldpolitische Ausblick verändert habe: Die Debatte verlaufe nicht mehr zwischen einem Basisszenario und einem Negativszenario für die Wirtschaft, sondern zwischen einem Negativ- und einem Hard-Landing-Szenario. Das stellt eine deutliche Tonverschärfung gegenüber vor einigen Wochen dar, als die meisten Offiziellen noch zu Vorsicht mahnten und betonten, man müsse neue Daten abwarten.
Frische Inflationsdaten bekräftigen diese Sorgen. Die Vorabschätzung von Eurostat zeigte, dass die jährliche Inflation im Euroraum im April von 2,6 % im März auf 3,0 % gestiegen ist. Energie bleibt der Haupttreiber: Die Energiepreise legten im April im Jahresvergleich um 10,9 % zu, nach 5,1 % im März. Die Kerninflation, bei der Energie und Nahrungsmittel ausgeklammert werden, ging leicht zurück und liefert der EZB formal einen Grund zur Zurückhaltung. Doch die Gesamtinflationsrate von 3,0 % – der höchste Wert seit September 2023 – wird politisch zunehmend schwer zu ignorieren.
Brent Crude wurde am Donnerstag bei rund 105 US-Dollar je Barrel gehandelt, nachdem der Preis drei Wochen in Folge über 100 US-Dollar geblieben war. Die Straße von Hormus ist faktisch weiterhin blockiert, die Gespräche mit Iran stecken in der Sackgasse, und es gibt keine unmittelbaren Anzeichen für eine Lösung. Stournaras warnte, dass anhaltend hohe Ölpreise sowohl die Inflation als auch das Wachstum belasten und damit das Schreckgespenst der Stagflation heraufbeschwören könnten, das europäische Entscheidungsträger unbedingt vermeiden wollen.
An den Märkten und unter Ökonomen wird weithin mit einer Zinserhöhung um 25 Basispunkte auf der Juni-Sitzung der EZB gerechnet. Allerdings stehen die Entscheidungsträger vor einer Wahl: Fällt der Inflationsanstieg moderat aus, könnte eine Anhebung möglicherweise entbehrlich sein; beschleunigt sich die Inflation jedoch und bleibt hartnäckig hoch, wird die EZB wesentlich härtere Maßnahmen in Betracht ziehen müssen. Kurz gesagt hängt der Ausblick von der Entwicklung in der Straße von Hormus und der Dauer der Energiekrise ab.
Selbst dieses Szenario bietet dem Euro nur begrenzte Unterstützung, da viele Händler einen parallelen Anstieg der Preise in den USA befürchten und deshalb den US-Dollar als sicheren Hafen bevorzugen.
Technischer Ausblick für EUR/USD
Aus technischer Sicht müssen Käufer überlegen, wie sie den Bereich um 1,1660 überwinden können, um einen Test von 1,1680 ins Visier zu nehmen. Ein Anstieg darüber hinaus könnte es dem Währungspaar ermöglichen, 1,1705 zu erreichen, mit einem endgültigen Ziel in der Nähe von 1,1725. Ohne Unterstützung durch große Marktteilnehmer dürfte dies jedoch schwierig werden. Auf der Unterseite dürfte erst ein Rückgang in Richtung etwa 1,1630 nennenswerte Interventionen größerer Käufer auslösen. Bleibt die Nachfrage auf diesem Niveau aus, wäre es ratsam, entweder auf ein neues Tief im Bereich von 1,1610 zu warten oder Long-Positionen erst ab etwa 1,1590 in Betracht zu ziehen.