Die Ölpreise sind erneut stark gestiegen – Brent ist wieder über 97 US‑Dollar pro Barrel geklettert, und WTI nähert sich 92 US‑Dollar. Auslöser dieses Anstiegs war eine neue Welle von Angriffen im Persischen Golf: US‑Streitkräfte griffen eine Militäranlage in der Nähe der Straße von Hormus an, die IRGC reagierte mit einem Gegenschlag auf einen amerikanischen Stützpunkt, und die kuwaitische Luftabwehr meldete die Abwehr von Raketen- und Drohnendrohungen. Der Konflikt dauert nun seit vier Monaten an, und jedes Mal, wenn der Markt zu glauben beginnt, eine Einigung stehe kurz bevor, kommt es zu einer erneuten Eskalation.

Gleichzeitig verhängte das US-Finanzministerium Sanktionen gegen die Maritime Administration of the Persian Gulf – eine Struktur, die nach Ansicht Washingtons Irans Vorgehen zur Erhebung von Gebühren für die Passage durch die Straße umsetzt. Trump stellte unmissverständlich klar, dass die Meerenge für alle offen sein werde, dass die USA sie überwachen würden und dass es keine iranische oder omanische Kontrolle über die Wasserstraße geben werde. Dies ist eine direkte Zurückweisung der von iranischen Medien zuvor verbreiteten Version der Vereinbarung.
Die Knackpunkte bleiben unverändert: Irans Atomprogramm und die Kontrolle über die Straße von Hormus. Trump erklärte offen, dass er kein für ihn ungünstiges Abkommen akzeptieren oder Sanktionen lockern werde – und widersprach damit direkt einer zentralen Forderung Teherans. Hinzu kommt, dass Trump auch innenpolitisch unter Druck steht: Konservative Republikaner fordern eine Ausweitung des Kriegs, was seinen Verhandlungsspielraum erheblich einschränkt. Vor diesem Hintergrund wirkt das Telefongespräch zwischen dem iranischen Präsidenten Pezeshkian und dem pakistanischen Premierminister Sharif – dem wichtigsten Vermittler in den Verhandlungen – eher wie der Versuch, den diplomatischen Kanal offen zu halten, als wie ein echter Durchbruch.
Unterdessen verschlechtert sich die Lage bei den grundlegenden Versorgungsströmen weiter. Das American Petroleum Institute meldete in der vergangenen Woche einen Rückgang der Lagerbestände um 2,8 Millionen Barrel, einschließlich eines Rückgangs im wichtigen Knotenpunkt Cushing. Offizielle Daten werden heute veröffentlicht. Viele Experten sind jedoch der Ansicht, dass der Markt bei einer Wiederaufnahme der chinesischen Importe bis Mitte Juli einem erheblichen Risiko eines abrupten Anstiegs der Ölproduktpreise ausgesetzt wäre. Noch ist es nicht so weit, doch die strategischen Reserven der USA und die verringerten Importe Chinas mildern den Engpass derzeit teilweise ab – allerdings ist dies nur ein temporärer Puffer und keine Lösung.
Für die Zentralbanken bleibt die Lage äußerst unangenehm. Anhaltende Lieferunterbrechungen bedeuten einen dauerhaften Inflationsdruck, der wiederum für Zinserhöhungen spricht. Die Federal Reserve, die Europäische Zentralbank und andere Notenbanken sind zu Geiseln der Geopolitik geworden: Solange die Meerenge geschlossen bleibt, haben sie faktisch keinen Spielraum für eine Lockerung der Geldpolitik – ungeachtet des Zustands der Realwirtschaft.

In Bezug auf das aktuelle technische Bild für Öl müssen die Käufer zunächst den nächstgelegenen Widerstand bei 92,50 USD zurückerobern. Dadurch eröffnet sich das Ziel bei 100,40 USD, oberhalb dessen ein Ausbruch allerdings recht schwierig werden dürfte. Das weiter entfernte Ziel liegt im Bereich von etwa 106,80 USD. Fällt der Ölpreis hingegen, werden die Bären versuchen, bei 86,50 USD die Kontrolle zu übernehmen. Gelingt ihnen das, würde ein Ausbruch aus der Handelsspanne die Position der Bullen erheblich schwächen und den Ölpreis auf ein Tief von 81,40 USD drücken, mit der Perspektive eines weiteren Rückgangs bis auf 74,85 USD.