Der Markt preist derzeit alles ein – mit Ausnahme seiner eigenen Ruhe –, und genau diese Ruhe wirkt inzwischen verdächtig überzeugend. Der S&P 500 schloss die dritte Woche in Folge im Plus und verzeichnete damit seine längste Gewinnserie seit Mai, während der VIX-Index für Marktangst auf den niedrigsten Stand seit dem 29. Dezember fiel. Der technologie lastige Nasdaq 100 gab leicht nach, doch diese Bewegung ändert am Gesamtbild wenig: Die Marktbreite bleibt nach Einschätzung von Händlern intakt, und die Rally setzt sich mit weniger Aufsehen, dafür aber mit deutlich breiterer Beteiligung als erwartet fort.
Die Gründe für Sorgen sind allerdings nicht verschwunden. Die Einzelhandelsumsätze in den Vereinigten Staaten verzeichneten den stärksten Rückgang seit über einem Jahr und deuten nach einem starken ersten Halbjahr auf einen nachlassenden Schwung beim Konsum hin. Das Verbrauchervertrauen, gemessen von der University of Michigan, ging erstmals seit drei Monaten zurück. Zuerst reagierten Dollar und Anleihen: Aktien gerieten unter Druck, während sich Öl im Gegenzug durch die Drohung neuer wirtschaftlicher Maßnahmen gegen den Iran verteuerte – steigende Energiepreise fließen bereits in die Inflationserwartungen ein und schlagen sich in der Stimmung am Derivatemarkt nieder.
Entwicklung des Gewinns je Aktie von Unternehmen im S&P 500

Tatsächlich lebt der Markt derzeit mit zwei parallelen Erzählungen. Auf der einen Seite steht die Erschöpfung der Konsumenten; auf der anderen Seite steht Corporate America, das außerhalb von Erholungsphasen nach Krisen seit 1992 das stärkste Gewinnwachstum vorweisen kann. Große Technologieunternehmen meldeten im zweiten Quartal einen Gewinnanstieg von 31 %, wobei bereits mehr als 90 % der Werte im breiten Index berichtet haben. Analysten führen dies auf die Einführung von künstlicher Intelligenz und die Widerstandskraft der US-Wirtschaft gegenüber einem Energieschock zurück, einschließlich eines Anstiegs der Ölpreise im Zusammenhang mit dem Krieg.
Dennoch wächst der Gewinn schneller als der Index selbst. Die Gewinnmargen im S&P 500 nähern sich 16 % gegenüber zuvor 14 %, und das durchschnittliche Jahresendziel der Strategen für den Index wurde auf 7.894 Punkte angehoben – nur etwa 1 % über den aktuellen Rekordständen. Gleichzeitig ist das erwartete Kurs-Gewinn-Verhältnis (KGV) von rund 26 zu Jahresbeginn, als extrem hohe Bewertungen die Marktsorgen dominierten, auf etwa 22 gefallen. Die vorherrschende Ansicht an der Wall Street ist, dass der Markt sich gut bereinigt hat und Bewertungen attraktiv sind.
Erwartete Reaktion des S&P 500 auf zentrale Ereignisse

Die Volatilitätskurve des S&P 500 deutet darauf hin, dass Händler den kommenden Risiken relativ gelassen entgegensehen und vor dem Bericht von Nvidia und dem Jackson-Hole-Symposium keine Überraschungen erwarten. Der Cboe-Index beendete die Woche auf dem niedrigsten Stand des Jahres. Der Markt preist bis Monatsende tägliche Indexbewegungen von weniger als 0,8 % ein – eine für den August beinahe beruhigende Größenordnung.

Ruhe gibt es nur selten umsonst. Ist es für den Markt zu früh, um sich zu entspannen?
Technisch gesehen notiert der S&P 500 im Tageschart über einem Fair-Value-Niveau bei 7.745, was darauf hindeutet, dass die Bullen weiterhin die Kontrolle haben. Solange dieses Niveau nach unten nicht durchbrochen wird, ist es sinnvoll, den Fokus auf Käufe gerichtet zu halten.