
Die Berichte der Europäischen Zentralbank (EZB) nach der geldpolitischen Sitzung am 22.–23. Juli zeigen, dass die Mitglieder der EZB weiterhin zu einer weiteren geldpolitischen Straffung neigen, obwohl einstimmig beschlossen wurde, die aktuellen Zinssätze unverändert zu lassen. Die Verantwortlichen betonten, dass ein weiterer Zinsschritt notwendig sein könnte, falls sich die Inflationsprognosen nicht deutlich verbessern, vermieden jedoch jegliche Festlegung auf eine entsprechende Maßnahme bei der Sitzung im September.
Der EZB-Rat kam zu dem Schluss, dass unerwartete Konjunkturdaten eine Pause im Straffungszyklus im Juli rechtfertigten. Die Gesamtinflation sank im Juni auf 2,8 % nach 3,2 % im Mai, während die Kerninflation von 2,6 % auf 2,4 % zurückging. Der Druck auf die Kernpreise ließ ebenfalls weiter nach, wobei widerstandsfähigere Inflationskomponenten die Erwartungen übertrafen.
Daten zur Lohnentwicklung lieferten zusätzliche Argumente dafür, die Zinsen auf ihrem aktuellen Niveau zu belassen. Der Druck auf die Arbeitskosten lässt nach, und verbesserte Arbeitsmarktbedingungen verringern die Wahrscheinlichkeit erheblicher Zweitrundeneffekte des Energieschocks. Die Verantwortlichen stellten fest, dass sich diese Effekte bislang noch nicht in den inländischen Preisen und Löhnen widerspiegeln, während die langfristigen Inflationserwartungen im Großen und Ganzen im Einklang mit dem EZB-Ziel von 2 % bleiben.
Dennoch bleibt der Ton der Berichte vorsichtig. Einige Ratsmitglieder haben sich für eine mögliche Zinserhöhung im Juli ausgesprochen und argumentiert, das Risiko, dass der nächste Zinsschritt zu hoch ausfallen könnte, sei sehr gering. Sie warnten, ein zu langes Abwarten könnte die Rückkehr der Inflation auf das Zielniveau verzögern und künftig möglicherweise aggressivere Maßnahmen erforderlich machen.
Die Aufmerksamkeit der EZB richtet sich weiterhin stark auf die Energiepreise. Regulierungsverantwortliche warnen, dass sich die volle inflationsfördernde Wirkung des jüngsten Schocks noch nicht entfaltet hat. Je länger die Energiepreise hoch bleiben, desto größer ist das Risiko breiter angelegter indirekter und sekundärer Effekte. Hohe Erdgaspreise und saisonal niedrige Gasvorräte in Europa sind neben geopolitischen Störungen der Lieferketten maßgebliche Faktoren, die zur Inflation beitragen.
Der EZB-Rat betrachtet die Inflationsrisiken daher weiterhin in erster Linie als nach oben gerichtet. Auch wenn die aktuellen Daten zu Löhnen, Renditen und Inflationserwartungen relativ günstig bleiben, bestätigt die über dem Zielwert liegende prognostizierte Inflation die Notwendigkeit, sowohl die Dauer als auch die Intensität des Energieschocks genau zu beobachten.
Marktteilnehmer sollten ihren Fokus nun auf die Septembersitzung richten, bei der neue Konjunkturprognosen und aktualisierte Inflationsdaten erwartet werden, die insbesondere nach dem Anstieg der Verbraucherpreise im Juli mehr Klarheit bringen dürften. Die EZB hält an ihrem datenabhängigen, von Sitzung zu Sitzung gefällten Entscheidungsansatz fest und macht deutlich, dass die Pause im Juli nicht das Ende des Straffungszyklus markiert, aber auch keine Zinserhöhung im September garantiert.
Die Märkte rechnen weiterhin mit zusätzlicher geldpolitischer Straffung; laut dem ECB Watch Tool wird die Wahrscheinlichkeit einer Zinserhöhung um 25 Basispunkte im September auf 96 % geschätzt.
Der Euro reagierte auf die veröffentlichten Daten kaum; zum Zeitpunkt der Erstellung dieses Berichts stand das Währungspaar EUR/USD unter moderatem Abwärtsdruck und notierte um 1,1650, was einem Rückgang von 0,09 % am Tag entspricht. Angesichts der Aussicht auf weiteres Wachstum zeigte der Euro jedoch Widerstandsfähigkeit knapp unterhalb der 200-Tage-SMA. Dies deutet darauf hin, dass sich Händler vor der Rede des Vorsitzenden der Federal Reserve, Kevin Warsh, auf dem Jackson-Hole-Symposium am Freitag zurückhaltend positionieren. Unterdessen bleiben die Oszillatoren im positiven Bereich und bestätigen damit die Dominanz der Bullen am Markt.