
Das Wellenmuster im 4‑Stunden‑Chart für EUR/USD hat sich verändert. Es gibt zwar weiterhin keinen Grund, vom Abbruch des seit Januar letzten Jahres laufenden Aufwärtstrendsegments (unterer Chart) zu sprechen, doch die Trendstruktur wirkt inzwischen stark uneindeutig. In solchen Situationen empfehle ich stets, auf einen kleineren Zeitrahmen (oberer Chart) zu wechseln und die einfachsten und kleinsten Wellenstrukturen zu analysieren, um eine kurzfristige Prognose zu erstellen, die für das Eröffnen von Positionen in der Regel ausreicht. Wellenstrukturen können äußerst komplex sein und mehrere mögliche Szenarien zulassen. Am einfachsten ist es, standardisierte „Fünf‑Drei“-Muster zu handeln.
Im obigen Chart lässt sich eine klassische fünfwellige Impulsstruktur mit verlängerter dritter Welle erkennen. Nach Abschluss dieser Struktur begann der Markt mit der Ausbildung einer korrektiven Sequenz, die aus mindestens drei Wellen besteht. Drei Wellen haben wir bereits gesehen, was bedeutet, dass der Markt in naher Zukunft voraussichtlich mindestens eine weitere korrektive Abwärtswelle ausbilden wird. Der weitere Verlauf wird von der Geopolitik abhängen: Entweder wird die Aufwärtsstruktur komplexer, oder es beginnt ein neues Abwärtstrendsegment.
Das Währungspaar EUR/USD legte am Freitag um 50 Basispunkte zu, obwohl die Nachrichtenlage im Tagesverlauf ausgesprochen widersprüchlich war.
Zunächst tauschten Iran und die Vereinigten Staaten gestern Raketenangriffe aus, was die künftigen Verhandlungen und die Möglichkeit eines Friedensabkommens erneut infrage stellte. Doch bereits am folgenden Tag (heute) gaben sowohl Teheran als auch Washington offizielle Erklärungen ab, wonach die Verhandlungen fortgesetzt werden und dass die jüngste Eskalation sie nicht beeinträchtigen wird. Folglich scheint auf beiden Seiten der Wille zu überwiegen, den Konflikt zu lösen, statt ihn weiter zu verschärfen, auch wenn beide weiter auf das reagieren, was sie jeweils als unfaire Aktionen der Gegenseite betrachten.
Offenbar wirkte genau dieses Verständnis erneut gegen den US‑Dollar und damit gegen die Verkäufer von EUR/USD. Gestern Abend nahm die Nachfrage nach dem Dollar zu, doch heute ging sie wieder deutlich zurück.
Heute wurden außerdem US‑Daten zum Arbeitsmarkt und zur Arbeitslosigkeit veröffentlicht. Viele Marktteilnehmer rechneten mit einem erneut schwachen Nonfarm Payrolls‑Bericht, doch dazu kam es nicht. Die Zahl der im April neu geschaffenen Stellen außerhalb der Landwirtschaft belief sich auf 115.000 und lag damit deutlich über der Markterwartung von 62.000. Die Arbeitslosenquote blieb unverändert, die Durchschnittslöhne stiegen um 3,6 % (leicht unter den Prognosen), während der Consumer Sentiment Index der University of Michigan mit 48,2 schwächer als erwartet ausfiel (Prognose: 49,5).
Damit könnte der schwächere Stimmungsindex den Dollar zwar belastet haben, aber kaum jemand wird bestreiten, dass Nonfarm Payrolls weitaus wichtiger sind. Und dieser Bericht hätte eigentlich den US‑Dollar stützen müssen.
Die Schlussfolgerung? Der Markt hat die Konjunkturdaten erneut zugunsten der Geopolitik ignoriert.
Allgemeine Schlussfolgerungen
Auf Basis der EUR/USD‑Analyse komme ich zu dem Ergebnis, dass das Instrument sich weiterhin in einem übergeordneten Aufwärtstrendsegment (unterer Chart) und kurzfristig innerhalb einer Korrekturstruktur befindet. Die korrektive Wellenfolge wirkt weitgehend abgeschlossen und könnte sich nur dann weiter verkomplizieren und in die Länge ziehen, wenn sich die geopolitische Lage im Nahen Osten weiter verbessert. Andernfalls könnte sich von den aktuellen Niveaus aus ein neues Abwärtstrendsegment entwickeln.
Die Korrekturwelle haben wir bereits gesehen, und ich rechne damit, dass das Paar von den aktuellen Niveaus aus seine Aufwärtsbewegung wieder aufnimmt und den Bereich um die Marke von 1,1900 ansteuert.
Im kleineren Zeitrahmen ist das gesamte Aufwärtstrendsegment zu erkennen. Die Wellenstruktur ist etwas ungewöhnlich, da die Korrekturwellen in ihrer Größe deutlich voneinander abweichen. So ist beispielsweise die größere Welle 2 kleiner als die interne Welle 2 innerhalb der Welle 3. Solche Konstellationen kommen jedoch vor. Ich möchte Trader außerdem daran erinnern, dass es am sinnvollsten ist, sich auf klar erkennbare und gut verständliche Strukturen im Chart zu konzentrieren, statt zu versuchen, wirklich jede einzelne Welle zu beschriften. Die jüngsten Wellen lassen sich nur schwer eindeutig zuordnen, weshalb sich meine Analyse stärker auf den höheren Zeitrahmen stützt.
Grundprinzipien meiner Analyse:
- Wellenstrukturen sollten einfach und leicht interpretierbar sein. Komplexe Strukturen sind schwer zu handeln und ändern sich oft unerwartet.
- Wenn keine ausreichende Sicherheit über die aktuelle Marktsituation besteht, ist es besser, dem Markt fernzubleiben.
- Absolute Gewissheit über die Marktrichtung gibt es nie. Verwenden Sie daher immer schützende Stop‑Loss‑Orders.
- Wellenanalyse lässt sich mit anderen Analyseformen und Handelsstrategien kombinieren.
