Die am Donnerstag veröffentlichten Daten zur US-Wirtschaft und zum Kern-PCE-Index wiesen erhebliche Widersprüche auf. Der Markt deutete sie jedoch ziemlich eindeutig – nicht zugunsten des Dollars.

In den vergangenen Tagen haben Händler innerhalb der Spanne von 1,1610–1,1660 im Einklang mit makroökonomischen Signalen gehandelt, und der Donnerstag bildete hier keine Ausnahme. Trotz der Bedeutung der veröffentlichten Daten gelang es dem Paar nicht, aus dem genannten Preiskorridor auszubrechen. Die Käufer von EUR/USD näherten sich lediglich der oberen Begrenzung der Spanne, bevor der Aufwärtsimpuls erlahmte. Das Paar blieb damit innerhalb des Bereichs der 1,16, doch mindert dies die Relevanz der veröffentlichten Daten nicht: Sie könnten die Händler durchaus noch beschäftigen, insbesondere wenn die Verhandlungen zwischen den USA und Iran mit der Unterzeichnung eines Friedensabkommens enden. In diesem Fall würde sich der Marktfokus wieder stärker auf „klassische“ Fundamentalfaktoren richten (die Entwicklung makroökonomischer Indikatoren, die Perspektiven der Geldpolitik der Federal Reserve usw.).
Die zweite Schätzung des US-BIP für das erste Quartal fiel deutlich schwächer aus als die erste. Die Wachstumsrate wurde von 2,0 % auf 1,6 % nach unten revidiert. Die meisten Analysten hatten mit einer Bestätigung der Erstschätzung gerechnet, sodass die Veröffentlichung die Marktteilnehmer verunsicherte und die Sorgen über eine Abkühlung der US-Wirtschaft verstärkte. Zwar hat sich die US-Wirtschaft im Vergleich zum klar schwachen Wert von 0,5 % im vierten Quartal des vergangenen Jahres (als sie unter einem längeren Government Shutdown litt) formal beschleunigt, doch die Details des Berichts deuten auf mögliche strukturelle Probleme hin.
Zum einen ist die Verschlechterung der Konsumnachfrage besorgniserregend. Die Konsumausgaben (ein zentraler Wachstumstreiber der US-Wirtschaft) wurden nach unten revidiert. Nach den überarbeiteten Daten belief sich das Wachstum nur noch auf 1,4 %, während die Erstschätzung 1,6 % ergeben hatte. Besonders wichtig ist dabei, dass der Dienstleistungssektor, der lange Zeit als „Bollwerk der Widerstandsfähigkeit“ der US-Wirtschaft galt, eine schwache Dynamik zeigte.
Auch der externe Sektor enttäuschte die Dollar-Bullen. Die Importe wuchsen weiterhin deutlich schneller als die Exporte und setzten damit die „Headline“-BIP-Zahl stark unter Druck. Unter „normalen“ Bedingungen können hohe Importe eine robuste Nachfrage widerspiegeln; unter den aktuellen Rahmenbedingungen deuten sie jedoch in erster Linie auf eine Schwäche der inländischen Produktion und eine Verschlechterung der Nettoexporte hin.
Außerdem ist zu bedenken, dass ein erheblicher Teil des Wachstums im ersten Quartal auf die Erholung der Staatsausgaben nach dem längeren Shutdown zum Jahresende zurückzuführen war und nicht auf eine organische Stärkung des privaten Sektors. Dieser Faktor wird in den kommenden Quartalen naturgemäß nicht „wirken“, was sich negativ auf wichtige makroökonomische Kennziffern auswirken könnte.
Am Donnerstag wurde zudem der US-Kern-PCE-Index veröffentlicht – einer der wichtigsten Inflationsindikatoren der Fed. Auf Jahressicht entsprach der Wert den Prognosen und stieg im April auf 3,3 % (damit wurde zum zweiten Monat in Folge ein Aufwärtstrend verzeichnet). Auf Monatsbasis verlangsamte sich der Anstieg des Index jedoch auf 0,2 % bei einer Prognose von 0,3 % (hier ist seit zwei Monaten ein Abwärtstrend zu beobachten). Die real verfügbaren Einkommen gingen im April zurück, was auf eine abnehmende Kaufkraft hindeutet. Die Sparquote brach auf 2,6 % ein. Das legt nahe, dass die US-Verbraucher angesichts hoher Benzinpreise und steigender Dienstleistungskosten gezwungen sind, ihre Ersparnisse anzugreifen.
Insgesamt signalisiert die Struktur der Berichte eine Verschärfung eines Stagflationsszenarios, in dem hohe Inflation mit nachlassendem Wirtschaftswachstum zusammenfällt.
Die Reaktion der EUR/USD-Händler ist daher durchaus nachvollziehbar – die heute veröffentlichten Daten spielten dem Greenback nicht in die Karten. Der weitere Kursverlauf (zumindest mittelfristig) wird allerdings weniger von makroökonomischen Berichten als von der geopolitischen Agenda bestimmt werden, insbesondere vor dem Hintergrund jüngster Insiderberichte.
Nach Angaben von Axios haben die US- und iranischen Unterhändler tatsächlich eine grundsätzliche Einigung über ein 60-tägiges Memorandum of Understanding erzielt, das die Verlängerung der Waffenruhe und die Aufnahme von Verhandlungen über das iranische Atomprogramm vorsieht. Zu den Bedingungen gehören die Räumung von Minen und die Freigabe der Straße von Hormus, eine schrittweise Lockerung der Blockade iranischer Häfen, Teherans Verzicht auf die Entwicklung von Atomwaffen sowie Gespräche über eine Lockerung der Sanktionen. Die endgültige Billigung der Vereinbarung erfordert jedoch die Zustimmung von Donald Trump, die bislang noch aussteht.
Billigt der US-Präsident die erzielten Vereinbarungen, dürfte die Risikobereitschaft am Markt steigen, und die Käufer von EUR/USD könnten den Widerstand im Bereich von 1,1700 (die obere Begrenzung der Kumo-Wolke im Tageschart) testen und sich anschließend innerhalb der 1,17 bewegen. Gelingt es den Parteien hingegen nicht, das Abkommen final auszuhandeln, dürfte das Paar mit hoher Wahrscheinlichkeit innerhalb der Spanne von 1,1610–1,1660 verbleiben (den unteren und oberen Linien des Bollinger-Bands-Indikators im H4-Chart).