Gestern hat Gold die psychologisch wichtige Marke von 4.000 USD durchbrochen und setzt seine Talfahrt fort. Heute verliert das Metall weitere 0,5 % und notiert bei rund 3.981 USD je Unze, nachdem es in der vorherigen Sitzung bereits um fast 3 % eingebrochen war. Erstmals seit November 2025 ist Gold damit unter die Marke von 4.000 USD gefallen. Silber ist gemeinsam mit Gold abgestürzt, hat am Mittwoch fast 7 % verloren und ist erstmals seit Dezember unter 60 USD gefallen. Es sieht so aus, als sei die mehrjährige Rally an den Edelmetallmärkten zu Ende gegangen.

Das Ausmaß dieser Kehrtwende ist beeindruckend. In den vergangenen drei Jahren verzeichnete Gold zweistellige jährliche Kursgewinne und hat sich im Wert mehr als verdoppelt – angetrieben durch Käufe von Zentralbanken, Vermögensverwaltern und Privatanlegern. Ende Januar erreichte das Metall mit rund 5.600 US-Dollar je Unze seinen Höchststand und ist seither um mehr als 20 % von diesem Niveau gefallen. Diese Schwelle markiert traditionell den Beginn eines Bärenmarktes. Mit anderen Worten: Gold hat technisch von einem Aufwärtstrend in einen Abwärtstrend gedreht – und dieser Übergang hat sich vor unseren Augen vollzogen.
Die Gründe für diese Trendwende fügen sich in eine klare und vertraute Erzählung ein. Der wichtigste Auslöser war der Konflikt zwischen den Vereinigten Staaten und dem Iran, der die Energiepreise nach oben trieb und die Inflation anheizte. Die erhöhte Inflation zwang die Federal Reserve, die Zinsen hoch zu halten, während die Aussicht auf weitere Zinserhöhungen unter der Führung des neuen restriktiv auftretenden Vorsitzenden der Federal Reserve, Kevin Warsh, die Attraktivität eines unverzinsten Vermögenswerts wie Gold zusätzlich untergrub.
Besondere Aufmerksamkeit verdient das, was man als „currency debasement trade“ bezeichnen könnte. Dieses Thema hat den Bullenmarkt lange gestützt, da Anleger Gold und Bitcoin gegenüber Währungen bevorzugten, die als anfällig für fiskalische Probleme galten. Nun verliert auch dieser Trend an Dynamik. Massive Investitionen in künstliche Intelligenz und die relativ vorteilhafte Position der Vereinigten Staaten auf den Energiemärkten haben den Dollar gegenüber den Währungen energieimportierender Volkswirtschaften in Europa und Asien gestärkt. All dies deutet darauf hin, dass die Erzählung von der zyklischen Sonderstellung Amerikas die Sorge um eine langfristige strukturelle Entwertung des Dollars überlagert hat. Ein starker Dollar und eine anhaltend hohe Inflation sind derzeit die beiden größten Gegenwinde für Gold.
Bemerkenswert ist, dass sich inzwischen selbst die überzeugtesten Gold-Bullen zurückziehen, wie ich bereits früher geschrieben habe. Goldman Sachs hat seine Jahresendprognose um 500 US-Dollar auf 4.900 US-Dollar je Unze gesenkt, während Deutsche Bank ihr Kursziel für das vierte Quartal um 17 % reduziert hat. Formal implizieren diese Prognosen zwar nach wie vor Aufwärtspotenzial gegenüber dem aktuellen Niveau, doch die Tatsache, dass so viele Institute ihre Erwartungen nach unten anpassen, signalisiert eine klare Stimmungswende.

Wenn die Wiedereröffnung der Straße von Hormus die Inflation in den kommenden Monaten rasch reduziert und die Fed nach ein oder zwei weiteren Zinserhöhungen eine Pause einlegt, könnte die fundamentale Grundlage für eine weitere Aufwärtsbewegung bei Gold wiederhergestellt werden. Das langfristig bullische Argument – anhaltende Käufe durch Zentralbanken weltweit – ist nicht verschwunden. Allerdings wird der Markt derzeit von der Logik eines starken US-Dollar und hoher Zinsen bestimmt, und diese Logik wirkt gegen das Edelmetall.
Aus technischer Sicht müssen die Käufer zunächst den nächsten Widerstand bei 4.008 US-Dollar zurückerobern. Ein erfolgreicher Ausbruch über dieses Niveau würde den Weg in Richtung 4.062 US-Dollar öffnen, ein Bereich, der sich als schwer zu überwinden erweisen könnte. Das nächste große Aufwärtsziel liegt bei 4.124 US-Dollar.
Setzt Gold seine Abwärtsbewegung fort, werden die Bären versuchen, die Kontrolle über die Marke von 3.954 US-Dollar zu übernehmen. Sollte dieses Niveau fallen, würde ein Ausbruch unterhalb der Handelsspanne den bullischen Positionen einen schweren Schlag versetzen und Gold in Richtung 3.906 US-Dollar drücken, mit Potenzial für einen weiteren Rückgang auf 3.849 US-Dollar.