Die am Dienstag veröffentlichten ZEW-Indizes haben der europäischen Währung Rückenwind verliehen und bieten den Käufern des EUR/USD-Paares unterstützenden Hintergrund. Entgegen den vorsichtigen Prognosen der meisten Analysten ist der Index der deutschen Konjunkturerwartungen deutlich gestiegen, und ähnliche Tendenzen waren auch auf Ebene der Eurozone zu beobachten. Dies deutet darauf hin, dass sich die Expertengemeinschaft zunehmend der Auffassung anschließt, dass die europäische Wirtschaft den Tiefpunkt des Konjunkturzyklus allmählich hinter sich lässt und sich auf eine Erholungsphase vorbereitet.

Konkret stieg der Index der Konjunkturerwartungen für Deutschland im August von 26,3 auf 34,2 Punkte und übertraf damit Prognosen, die lediglich einen Anstieg auf 30 Punkte erwartet hatten. Dieser Indikator befindet sich damit bereits den vierten Monat in Folge in einem klaren Aufwärtstrend. Zum Vergleich: Im April lag dieser Index noch bei -17,2. Gleichzeitig kletterte der Lageindex von -77,6 auf -61,1 Punkte. Damit haben sich sowohl die Erwartungen als auch die Einschätzung der aktuellen Situation in der größten Volkswirtschaft der Eurozone spürbar verbessert. Ein ähnliches Bild zeigt der Stimmungsindex für die Eurozone: Er schoss von 23,4 auf 31,4 Punkte nach oben (bei zuvor eher verhaltenen Prognosen von 25,4 Punkten).
Dieser deutliche Anstieg des Optimismus unter den Expertinnen und Experten ist vor allem auf robuste Quartalsberichte der Unternehmen, anhaltend hohe Exportniveaus sowie die dynamische Umsetzung staatlicher Infrastrukturprogramme in Deutschland zurückzuführen. Besonders hervorzuheben ist der deutliche Fortschritt in der Automobilindustrie (der entsprechende Subindex legte um 22,2 Punkte zu) sowie in der Chemie-, Pharma- und im Maschinenbausektor.
Der Vergleich der jüngsten ZEW-Veröffentlichung mit anderen makroökonomischen Signalen ergibt ein durchaus aufschlussreiches Bild. So ist das BIP der Eurozone im zweiten Quartal im Quartalsvergleich um 0,4 % gewachsen, nachdem es im ersten Quartal noch stagniert hatte. Gleichzeitig legte die Beschäftigung um 0,1 % zu, und das jährliche BIP-Wachstum beschleunigte sich auf 1,0 %. Vor diesem Hintergrund fungiert die ZEW-Veröffentlichung als wichtiger Frühindikator, der darauf hindeutet, dass Finanzmarktexperten mit einer weiteren Verbesserung rechnen.
Die wichtigste makroökonomische „Wasserstandsmeldung“ der Woche (mit Blick auf den Euro) steht allerdings noch aus: Am Freitag werden die europäischen PMI-Indizes veröffentlicht. Im Juni lag der zusammengesetzte Einkaufsmanagerindex der Eurozone mit 50,0 Punkten in der Expansionszone. Im Juli legte dieser wichtige Konjunkturindikator erneut zu – diesmal auf 52,0 Punkte. Bestätigen die August-Daten eine Stabilisierung oder gar Beschleunigung der Geschäftstätigkeit, erhielte das ZEW-Signal eine entscheidende Bestätigung durch diesen zeitnahen Indikator. Starke PMIs (insbesondere ein Anstieg bei Neuaufträgen und Beschäftigung) könnten das Bild einer nachhaltigen Erholung der europäischen Wirtschaft festigen.
Diese Kombination könnte den „Falken“ in der Europäischen Zentralbank zumindest in rhetorischer Hinsicht mehr Spielraum verschaffen. Einerseits zeigt die Wirtschaft der Eurozone Anzeichen einer Erholung (und die ZEW-Indizes signalisieren eine weitere Verbesserung der Erwartungen). Gleichzeitig liegt die Inflation in der Eurozone weiterhin spürbar über dem Ziel der Europäischen Zentralbank. Im Juni beschleunigte sich die Gesamtinflation (CPI) auf 2,9 % gegenüber dem Vorjahr, und nach Einschätzung der meisten Analysten dürfte dieser Wert auf dem Juni-Niveau verharren (die Veröffentlichung ist für Mittwoch, den 19. August, geplant). All dies nährt „falkenhafte“ Erwartungen hinsichtlich weiterer Schritte der EZB. Das gilt umso mehr, als der Ölpreis vor dem Hintergrund einer erneuten Eskalation im Nahen Osten wieder über die Marke von 90 US-Dollar pro Barrel gestiegen ist. Je länger Brent auf diesem Niveau verharrt, desto größer ist die Wahrscheinlichkeit sekundärer Inflationseffekte bei Transportkosten, Produktion und Endpreisen.
Vor diesem Hintergrund hat sich die Wahrscheinlichkeit einer weiteren Zinserhöhung der EZB im September deutlich erhöht. Laut der jüngsten Reuters-Umfrage rechnen rund 80 % der Volkswirte im Herbst mit einer Anhebung des Einlagensatzes um 25 Basispunkte. Ihrer Ansicht nach stützen zwei Faktoren eine solche Entscheidung: eine unerwartet robuste wirtschaftliche Aktivität sowie anhaltende Energieschocks, die die Inflationsrisiken verschärfen.
Die „grünen“ Signale vom ZEW sind in diesem Zusammenhang ein weiteres Puzzleteil für ein falkenhaftes EZB-Szenario, da robuste Konjunkturerwartungen der Notenbank mehr Spielraum für eine weitere Straffung der Geldpolitik geben. Sollten die PMIs am Freitag ebenfalls im positiven Bereich landen und Brent weiterhin über der Marke von 90 US-Dollar notieren, würde sich die Wahrscheinlichkeit einer Zinserhöhung im September von einem „möglichen“ zu einem „Basisszenario“ wandeln.
Das Währungspaar EUR/USD reagierte auf den Bericht eher verhalten: Die Käufer markierten zwar ein neues Tageshoch bei 1,1586, konnten diesen Erfolg jedoch nicht ausbauen und blieben innerhalb der etablierten Handelsspanne von 1,1560–1,1610 (Mittel- und Oberband der Bollinger-Bänder im H4-Chart). Das deutet darauf hin, dass die ZEW-Indizes eher eine „verzögerte“ Wirkung auf den Markt haben, während sich die Aufmerksamkeit der Trader im kurzfristigen Horizont weiterhin auf die geopolitische Lage richtet. Die anhaltende Unsicherheit über die Perspektiven der Beziehungen zwischen den USA und dem Iran bremst sowohl Käufer als auch Verkäufer im EUR/USD-Handel. Daher dürfte das Währungspaar trotz des positiven Signals vom ZEW in nächster Zeit in der genannten Spanne von 1,1560–1,1610 seitwärts tendieren.